Ankommen, Staunen und der erste Schritt
Während meiner Wanderung auf dem Kilimandscharo habe ich jeden Tag eine Sprachnachricht mit meinen Eindrücken an meine Lieben zuhause gesendet. Diese dürft ihr euch auch gerne anhören. Ein Verständnis für Südtiroler Dialekt ist dabei allerdings Voraussetzung. Sollte dieses nicht vorhanden sein, ich schreib’s euch gerne auch auf.
Die Nacht im Hotel war gut. Ich fühlte mich ausgeruht und nach dem reichhaltigen Frühstück auch gestärkt für den Tag. Da ich keine genaue Zeitangabe bekommen hatte, wann ich denn abgeholt werde, habe ich mir noch ein bisschen die Hotelanlage angeschaut. Direkt gegenüber gab es eine Schule und die Schüler waren im Hof und sangen ein Lied. Ein Weihnachtslied. Ich blieb stehen und hörte zu. Obwohl ich noch keine zwölf Stunden in Tansania war, hatten mich die sommerlichen Temperaturen schnell vergessen lassen, dass eigentlich Weihnachten vor der Tür stand.
Zuerst kam eine Kollegin von Agnes, mit der ich per E-Mail in Kontakt gewesen war. Sie begrüßte mich herzlich und erklärte mir nochmal, wie alles ablaufen würde. Dann stellte sie mir meinen Guide Stanley und meinen Chefträger Siffa vor. Stanley ging mit mir eine Liste mit Ausrüstungsstücken durch, die man mit dabei haben sollte, und überprüfte, ob ich alles dabeihatte. Ich bekam eine Eins mit Sternchen. Nicht viele seien so gut ausgerüstet wie ich, meinte er. Ich musste schmunzeln und dachte an die YouTube-Videos zurück, in denen Leute mit Sandalen oder vollkommen ungeeigneten Rucksäcken den Berg in Angriff nahmen. Ich war einfach froh, dass ich vorbereitet war.
Es konnte also losgehen. Theoretisch. Denn die Zeit in Afrika tickt anders. Alles ist irgendwie ruhiger, bedachter, langsamer. Ohne Hektik. Ganz anders als ich es gewohnt bin. Wir warteten also erstmal. Eine halbe Stunde, vielleicht eine Stunde, ich weiß es nicht mehr. Und irgendwann wurde dann ganz gemütlich das Auto beladen und wir starteten.
Nach und nach stiegen immer mehr Menschen dazu. Zu Stanley und Siffa kamen noch der Chefkoch und sechs Träger. Zum Schluss waren es neun Männer und ich. Eine weiße, junge, privilegierte Frau.
Die Fahrt zum Lemosho Gate dauerte etwa drei Stunden, davon zweieinhalb reine Fahrtzeit. Unterwegs machten wir eine kleine Pause, weil der Koch noch Fleisch einkaufen musste. In der „Metzgerei“. Sagen wir, sie war gefliest, doch sonst hatte sie nichts von einer in Europa herkömmlichen Metzgerei. Vorne und an den Seiten war alles offen und es gab keine Kühlung, auch die Kleidung des Metzgers, ein einfaches T-Shirt und Jeans, entsprach nicht meinem Bild einer Metzgerei. Wie hygienisch das Ganze war, darüber wollte ich lieber nicht zu viel nachdenken. Ich beschloss, es einfach so zu nehmen, wie es war. Ich konnte es ohnehin nicht ändern. Zumindest jetzt nicht mehr. Immerhin hatte ich auf die Frage, ob ich Vegetarierin sei, mit Nein geantwortet. Ob das eine gute Entscheidung war, sollte sich noch herausstellen.
Während der Koch seine Erledigungen machte, wurde ich zu einer Bar gebracht. Weit und breit war kein anderer Weißer in Sicht, und trotzdem wurde ich nicht angestarrt. Stanley spendierte mir eine Cola und besorgte mir mein Mittagessen für später. Ich fühlte mich gut aufgehoben.
Als es weiterging, wurde die Straße zunehmend abenteuerlich. Ich fragte mich wirklich, wie die Autos das noch aushalten konnten, sie sahen schon eher mitgenommen aus.

Endlich im Camp angekommen, kümmerte sich Stanley um Papiere, Genehmigungen und so weiter, während ich mich mit meinem Mittagessen in eine Picknickecke setzte.
Es gab einen Apfel, Joghurt, Ei, Hühnchen und ein Erdnussbutter Sandwich.

Und dann ging es los. Ich machte die ersten Schritte Richtung Uhuru Peak. Kaum hatten wir die ersten Meter geschafft, fing es auch schon an zu regnen. Na ja, Regen war es eigentlich keiner. Eher ein leichtes Nieseln. War das ein schlechtes Zeichen?
Es war immer noch die kleine Regenzeit in Tansania und wie viel Regen mich begleiten wird, wird sich noch zeigen.



Die Route des ersten Tages führte mich ins Big Tree Camp oder auch bekannt als Mti Mkubwa Camp.

Der Weg zum Camp,etwa sieben Kilometer lang (auch wenn ich im Audio von drei spreche) führte durch dichten, lebendigen Regenwald. Um uns herum eine Klangwelt aus Vogelrufen, leisen Rascheln und entfernten Lauten, die ich nicht zuordnen konnte. Das satte Grün war allgegenwärtig. Kleine Affen hüpften von Ast zu Ast, zwischen leuchtenden Blumen und gewaltigen Bäumen, die hoch in den Himmel ragten. Ich konnte gar nicht anders, als immer wieder stehen zu bleiben und zu staunen. Es war einfach wunderschön.




Stanley ermahnte mich immer wieder zu „pole pole“ – langsam, langsam. Für mich war es ungewohnt, so langsam zu gehen. Vor allem, weil das heutige Camp auf 2700 Metern lag. Eine Höhe, die mir als Südtirolerin durchaus bekannt ist. Aber ich wusste, wenn ich den Gipfel erreichen wollte, musste ich lernen, mich in Langsamkeit zu üben. Und das war gar nicht so einfach.


Nach drei Stunden kamen wir im Camp an. Auch hier war ich vorerst die einzige Weiße. Nach und nach sollten aber noch weitere Wanderer dazukommen. Mein Zelt war schon aufgebaut. Und was für eines. Riesig.
Stanley erzählte mir, dass es neu sei, ich sei die erste Person darin und sie wollten mir damit gerne einen besonderen Service bieten. Es war liebevoll gemeint, das spürte ich. Und doch war es mir ein bisschen peinlich. Meine neun Begleiter schliefen in insgesamt drei kleinen Zelten, eines davon diente zusätzlich als Küche.
In meinem Zelt stand ein Stuhl, ein kleiner Tisch mit Tischdecke, Tee, Zucker, Erdnussbutter, Marmelade. Reiner Luxus. Und das alles wurde auf fast 5000 Höhenmeter hochgeschleppt. Der Kilimandscharo-Tourismus ist nicht mit dem Wandern bei uns zu vergleichen. Viele lassen sich eine eigene chemische Toilette hochtragen. Manche sogar eine Dusche. Ich war froh, dass es bei mir, abgesehen von meinem Zelt (das größte weit und breit) doch relativ schlicht zuging.
Nachdem ich meine Luftmatratze aufgeblasen, mich ein wenig frisch gemacht und eingerichtet hatte, drehte ich ein paar Runden im Camp. Ich kam mit Einheimischen und Touristen ins Gespräch. Die Einheimischen versuchten mir ein paar Wörter Suaheli beizubringen, was mehr schlecht als recht funktionierte, und die anderen Wanderer erzählten, woher sie kamen und warum sie den Kilimandscharo besteigen wollten. Viele kamen aus den USA, einige aus England und Asien.

Irgendwann gab es Tee und Popcorn. Ich spielte ein paar Runden Solitär mit Südtirol Wattkarten und versuchte mir die Zeit bis zum Abendessen zu vertreiben. In dieser Stille des späten Nachmittags, an dem die Zeit irgendwie langsamer verging, kam mir ein Satz einer Freundin in den Sinn. Sie hatte mich gefragt, warum ich diese Tour alleine mache. Ob es nicht schade sei, so eine Erfahrung nicht mit jemandem zu teilen.
Und genau in diesem Moment fragte ich mich das auch. War es ein Fehler? Würde mir etwas fehlen? Könnte ich dieses Abenteuer auch ganz alleine in vollen Zügen genießen?
Ich wusste, dass ich mir diese Fragen irgendwann beantworten würde. Vielleicht in ein paar Tagen. Vielleicht erst danach.
Als das 3 Gang Abendessen kam (Suppe, Hauptspeise, Obst), staunte ich nicht schlecht. Wie war es möglich, hier auf dem Berg solche Gerichte zuzubereiten? Diese Frage stellte ich mir an jedem der folgenden Tage immer wieder.
Auch die Portionen überraschten mich. Sie waren riesig. Man legte mir sehr ans Herz, alles aufzuessen, schließlich wurde das Essen extra für mich auf den Berg getragen. Ich tat mein Bestes, aber manchmal hatte ich das Gefühl, da wurde für zwei gekocht.



Bevor ich mich mit vollen Magen in meinen Schlafsack kuschelte, kam Stanley vorbei. Er maß meinen Blutsauerstoff und erklärte mir den Ablauf des nächsten Tages.
Das einschlafen an diesem ersten Abend am Berg, fiel mir nicht leicht. Die Geräusche rund um mich waren ungewohnt. Vögel, Affen, fremde Stimmen. Erst nach Mitternacht wurde es ruhig. Nur wenige Stunden später, gegen drei Uhr morgens, wurde der Wald von einem lauten Donnerschlag geweckt. Ein Blitz hatte sich wohl vom fernen Gewitter in unsere Gegend verwirrt und um 6 Uhr, ging auch schon wieder die Sonne auf und ein neuer Tag begann.
Was ich am nächsten Tag erlebte, lest ihr im nächsten Blogbeitrag.
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