Eiskalt, sternenklar und irgendwie magisch
Die Nacht war kalt. Also wirklich sehr kalt. Auf 3.900 Metern half selbst meine Isomatte, die warme Kleidung (von Thermounterwäsche über Wanderhose bis zur Daunenjacke hatte ich alles an) und mein Schlafsack samt Inlay nicht mehr viel. Ich habe mich regelrecht in den Schlaf gezittert. Wie sich herausstellte, war es kurz nach Sonnenuntergang und kurz vor Sonnenaufgang am kältesten. Ich kann nicht genau sagen, wie kalt es wirklich war, aber innerhalb kürzester Zeit war alles gefroren. Selbst auf meinem Schlafsack bildeten sich Eiskristalle. Ich schätze, es hatte ungefähr minus 10 bis minus 15 Grad.
Und wie ihr euch sicher vorstellen könnt, musste ich nachts (nach etwa fünf Litern Flüssigkeit) irgendwann auf die Toilette. Was ich drausen unter klarem Himmel sah, war trotz der Kälte wunderschön. Der Himmel war voll mit Sternen. Und nicht so, wie wir ihn von zuhause kennen. Es funkelten gefühlt zehnmal so viele Sterne. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde.
Als ich mich am Morgen langsam aus dem Schlafsack schälte, erwartete mich gleich der nächste Gänsehautmoment. Die Wolken vom Vortag hatten sich verzogen. Und da stand er, der Kilimandscharo. So hoch. So weiß, von Schnee bedeckt. Und so fern. In diesem Moment konnte ich mir kaum vorstellen, es bis ganz nach oben zu schaffen.

Aber ein Tag nach dem anderen. Es fehlten noch ein paar Etappen bis zum Gipfelanstieg. Und der heutige Tag war als Vorgeschmack auf den Gipfeltag gedacht. Wir würden den Lava Tower auf 4.600 Metern Höhe erklimmen. Der Tag war als Akklimatisierungsetappe gedacht, ganz nach dem Motto „Climb high, sleep low“. Also: hoch steigen, aber tiefer schlafen. Der Körper soll sich so besser an die Höhe gewöhnen und der Höhenkrankheit vorbeugen. Auch wenn es anstrengend war, machte dieser Wechsel für mich absolut Sinn. Ich merkte, wie mein Körper langsam begann, sich auf die neuen Bedingungen einzustellen.
Schritt für Schritt ging es nun hoch auf den Lava Tower. Pole pole. Zum ersten Mal auf der Tour merkte ich, wie das Gehen langsam zur Meditation wurde. Der Kopf wurde leer, die Gedanken still. Meine Schritte folgten gleichmäßig den Beinen vor mir. Zeit spielte keine Rolle. Nur der Weg. Nur das Hier und Jetzt.

Die Landschaft veränderte sich. Wir waren nun in der alpinen Wüste. Karg, steinig, still. Nur noch wenige Sträucher. Hin und wieder eine afrikanische Erika. Alles wirkte ein bisschen wie eine Mondlandschaft.

Und ehe ich mich versah, waren wir oben. Am Lava Tower auf 4.600 Meter. Wir machten eine kurze Pause und aßen unser Lunchpaket. Mir ging es gut. Ich hatte keine Kopfschmerzen, nahm weiterhin viel Flüssigkeit zu mir. Immer wenn sich mal ein Druck oder leichter Schmerz andeutete, trank ich einfach noch mehr Wasser und es verschwand wieder. Was ich allerdings deutlich merkte, war der schwindende Appetit. Ich hatte keinen richtigen Hunger mehr, wusste aber, dass ich essen musste. Der Körper brauchte Energie. Ich brauchte Kraft, um weiterzugehen. Um die nächsten Tage zu überstehen, um am Gipfel anzukommen.


Die Pause blieb kurz. Es begann zu regnen. Wir zogen unsere Regenklamotten an und machten uns auf den Weg ins nächste Camp. Das Barranco Camp, lag auf etwa 3.900 Metern Höhe. Es ging also wieder bergab. Und während mir der Aufstieg recht leicht gefallen war, schien der Abstieg kein Ende nehmen zu wollen.
Gegen 14 Uhr kamen wir im Camp an. Ich war erschöpft, aber zufrieden. Und spürte, dass ich diesen Nachmittag nur für mich brauchte. Ich wollte nicht mehr das Camp erkunden oder Gespräche führen. Ich wollte mich waschen, mich umziehen, mich ausruhen, lesen. Einfach bei mir sein.

Das Buch, das ich dabei hatte, passte perfekt zu diesem Moment. Es war von Sebastian Fitzek, bekannt für seine Psychothriller, doch dieses hier war anders. Kein Thriller, sondern eine ruhige, tiefgründige Geschichte über das Leben, über Loslassen, über das Reisen. Es heißt „Der erste letzte Tag“ und ich kann es wirklich empfehlen.

Abends gab es eine riesige Portion Nudeln. Und was soll ich sagen: Ich schaffte kaum die Hälfte. Der Appetit war fast verschwunden. Dazu kam eine leichte Übelkeit. Ein erstes Anzeichen von Höhenkrankheit. Noch wollte ich abwarten wie sich die Symptome entwickeln würden. Meine Vitalwerte sahen gut aus. Alles war im grünen Bereich und ich fühlte mich stark.
Um auch die Nacht besser zu überstehen hatte ich mir eine neue Strategie überlegt. Ich hatte das Gefühl, dass die Kälte nicht von außen kam (ich hatte ja mehr als genug Schichten an), sondern sich von innen heraus in mir ausbreitete. Deshalb stellte ich mir meine Thermosflasche mit warmem Tee direkt neben den Schlafplatz. Sobald mich der nächste Schüttelfrost durchfuhr, trank ich ein paar Schlucke in der Hoffnung, mich von innen zu wärmen. Und es funktionierte tatsächlich. Ich konnte besser schlafen, ruhiger, weniger verkrampft. Vielleicht war es der Tee, vielleicht war es das Gefühl, vorbereitet zu sein. Vielleicht beides.
Am nächsten Morgen wartete eine neue Herausforderung auf mich: die Barranco Wall. Auch „Breakfast Wall“ genannt, weil man sie direkt nach dem Frühstück erklimmt. Sie gilt als die technisch anspruchsvollste Stelle der Tour. Ich hatte mir im Vorfeld einige Videos angesehen und wusste, dass es dort immer wieder zu Staus kommt, vor allem wenn Leute an ihre Grenzen stoßen oder einfach mehr Zeit brauchen. Ich war neugierig, vielleicht auch ein bisschen aufgeregt. Und irgendwie freute ich mich darauf zu spüren, wie sich mein Körper der nächsten Herausforderung stellt.
Was ich an Tag 4 erlebt habe, erzähle ich im nächsten Blogbeitrag, sobald er online ist.
Du hast Tag 2 am Kilimandscharo verpasst?
Kein Problem: hier kannst du nachlesen, wie es war:
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