Die Barranco Wall
Langsam begannen die Tage zu verschwimmen. Jeder Tag hatte dasselbe Ziel: das nächste Camp erreichen. Und doch war dieser vierte Tag anders. Denn heute stand die Barranco Wall auf dem Plan, welche das technisch anspruchsvollste Stück der Route darstellte.

Ich war guter Dinge. In den Südtiroler Bergen hatte ich schon so manche Herausforderung gemeistert und ein bisschen Sportkletter-Erfahrung hatte ich auch, auch wenn das schon eine Weile her war. Mein einziger Gegner war eigentlich nur meine Höhenangst.


Die Nacht war erneut eiskalt und das Zelt war erneut von einer dünnen Eisschicht eingehüllt. Jeder im Camp wartete sehnsüchtig auf die ersten Sonnenstrahlen, die das Eis zum Schmelzen bringen würden. Sobald die Sonne schien, wurde es schlagartig wärmer. Ich sah zu, wie die Träger nach und nach die Zelte abbauten, aber nicht, ohne sie zuvor in der Sonne zum Trocknen aufzuhängen.
Im Barranco Camp trafen mehrere Routen aufeinander, entsprechend viele Menschen waren plötzlich da.
Stanley hatte sich eine Strategie überlegt, um möglichst staufrei durch die Wand zu kommen. Er wollte später starten als die meisten anderen. Ich war gespannt, ob das aufging.
Schon vor meinem Frühstück sah ich die ersten Wanderer die etwa 260 Meter hohe Barranco Wall hochsteigen. Oder besser gesagt: ihre bunten Rucksäcke als Punkte in der Ferne. Heute lag die Wand nicht wie am Vortag im Nebel, sondern präsentierte sich in voller Größe. Vom Camp aus wirkte sie fast senkrecht, ein Weg war nicht zu erkennen. Doch die vielen bunten Punkte zeigten, dass ein Aufstieg möglich war. Geplant waren ein bis zwei Stunden, je nach Tempo, Können und Verkehr.

Ich versuchte zu frühstücken, aber mir war übel. Ein deutliches Zeichen der Höhenkrankheit. Ich wollte beobachten, wie sich der Vormittag entwickelte, bevor ich zu Medikamenten griff. Doch zuerst stand der Aufstieg an.
Um 08:30 Uhr ging es los und zwar im Laufschritt. Denn kurz vor uns war eine große afrikanische Gruppe gestartet mit etwa 25 bis 30 Personen. Wir wollten sie überholen bevor sie in die Wand einstiegen und wir schafften es tatsächlich. Und wieder hatte ich Glück: Stanleys Strategie ging auf, es waren kaum Menschen unterwegs, ich konnte durchgehen, ohne ungewollten Staupausen. Auch konnte ich andere überholen und wurde natürlich auch selbst überholt. Vor allem von den Trägern.
Es war wirklich bizarr: Während ich mich mit Händen und Füßen über rutschige, große Stufen nach oben arbeitete, stiegen sie mit 20 Kilo Gepäck auf dem Kopf oder Rücken fast schon mühelos an mir vorbei. Was für mich schon fast klettern war, war für sie scheinbar nur ein weiterer Schritt auf dem Weg.
Zu meinem Glück war die Passage weit weniger ausgesetzt, als ich vom Camp aus gedacht hatte. Auch die schmalste Stelle, der sogenannte Kissing Stone, war überraschend breit. Seinen Namen trägt er, weil man dem Stein beim vorbeigehen so nah kommt, dass man ihn küssen könnte. Viele tun das tatsächlich. Ich nicht. Der Gedanke, einen Stein zu küssen, den tausende andere bereits berührt hatten, war für mich wenig verlockend.
Nach etwas über einer Stunde war ich oben. Ein Plateau erwartete mich, das wohl eine tolle Aussicht geboten hätte, wären nicht wieder Wolken aufgezogen. Wir machten eine kurze Pause und ich beobachtete andere Wanderer. Ihre Freude über das Erreichte war deutlich zu spüren und sehr berührend.


Wir befanden uns nun auf etwa 4.200 Metern und stiegen ab ins Karanga Camp auf knapp 4.000 Meter. Der Abstieg führte uns durch eine veränderte Vegetation mit mehr Sträucher und sogar die charakteristische Kilimanjaro-Palme war zu sehen.

Kurz vor dem Karanga Camp ging es erneut bergauf und wir querten ein ehemaliges Lavafeld. Wir waren zurück in der Alpinen Wüste und durch den Nebel erschien die Umgebung mystisch.




Es folgte eine scheinbar endlose Steigung, vielleicht 200 bis 250 Höhenmeter. Im langsamen Schneckentempo fühlte es sich nach viel mehr an.
Immer wieder fiel mir das Schuhwerk der Träger auf. Nur wenige trugen Wanderschuhe. Viele liefen in alten, abgenutzten Sneakers, einige sogar in Sandalen. Einer in Gummistiefeln. Kein passendes Schuhwerk, aber für viele war das hier der einzige Job, um ihre Familie zu ernähren. Der Kilimanjaro-Tourismus war überlebenswichtig für das Land und deren Bewohner. Deshalb hatte die Regierung schon 1990 verpflichtende Genehmigungen und Guides eingeführt.

Gegen 13 Uhr kamen wir im Karanga Camp an. Die Übelkeit war besser geworden. Sie kam meist mit dem Essen und klang dann langsam ab. Ich entschied mich, diesmal vor dem Mittagessen etwas gegen die Übelkeit zu nehmen. Eine gute Entscheidung, denn das Symptom kam nicht mehr zurück. Nur der Appetit war weg, aber das war verkraftbar. Essen musste ich trotzdem.
Was ich dann serviert bekam, hätte ich nie erwartet. Ich hatte mich bereits über die Ketchupflasche auf meinem Tisch gewundert und dann kam Pizza und Pommes. Nicht womit ich 4.000 Metern gerechnet hätte.

Den Nachmittag verbrachte ich ruhig. Ich wollte Kraft tanken, die Stimmung aufnehmen, ein paar Fotos machen.






Der Plan war, am nächsten Tag ins Barafu Camp auf 4.600 Meter aufzusteigen und von dort um Mitternacht zum Gipfel zu starten. Dass es anders kommen würde, wusste ich da noch nicht.
Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag:
Tag 3 verpasst? Hier kannst du ihn nachlesen:
Hinterlasse einen Kommentar