Kilimanjaro: Mein unerwarteter Gipfelmoment

Die Nacht war ähnlich wie die vorherigen, kalt, sternenklar und dennoch überraschend erholsam. Was kann man auf 4.000 Metern auch anderes erwarten. An diesem Tag stand eigentlich nur eine kurze Etappe auf dem Plan: vier Kilometer und rund 600 Höhenmeter. Wir starteten gegen acht Uhr und ehe ich mich versah, lagen die Kilometer hinter mir. Kurz vor elf Uhr standen wir im Barafu Camp auf 4.600 Metern Höhe.

Das Barafu Camp ist das letzte Camp vor der Gipfeletappe. Ursprünglich war geplant, dass ich mich an diesem Tag ausruhe und wir dann, wie die meisten, gegen Mitternacht den Aufstieg beginnen würden. Doch weil wir so früh im Camp waren, das Wetter passte und mein Guide Stanley meinte, ich sei fit genug, schlug er etwas völlig Unerwartetes vor. Wir könnten den Gipfel noch am selben Tag erreichen.

Das bedeutete nach den bereits absolvierten 600 Höhenmetern weitere sechs bis sieben Stunden Aufstieg mit zusätzlichen 1.300 Höhenmetern bis in die arktische Klimazone, die letzte der 4 verschieden Klimazonen.

Eine Gelegenheit, die ich nicht ausschlagen konnte. Die Aussicht, fast allein am Gipfel zu stehen, war zu verlockend. Außerdem hatte ich Respekt vor dem üblichen Abstieg vom Uhuru Peak auf 5.895 Metern direkt hinunter auf 3.100 Meter zum Millenium Camp. Das sind 2.700 Höhenmeter am Stück, was meinen Knien vermutlich nicht gefallen hätte. Wenn ich den Gipfel heute erreichte, könnten wir den Abstieg auf zwei Tage aufteilen.

Gesagt, getan. Ich stärkte mich mit einem Mittagessen, zog meine wärmsten Sachen an und machte mich mit Stanley, Sifa und einem Porter auf den Weg. Die Zeit verging wie im Flug, das Gehen wurde zur Meditation. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug, mein Blick stets auf Sifas Fersen vor mir. Dann erreichten wir den Stella Point, den Vorgipfel. Von hier waren es nur noch rund ein Kilometer und 100 Höhenmeter bis zum Uhuru Peak. Doch dieser letzte Kilometer war der härteste.

Ein Schneesturm hatte uns bereits auf dem Weg zum Stella Point überrascht. Nun lag entlang des Kraterrandes teilweise 20 Zentimeter frischer Schnee. Jeder Schritt verlangte Kraft, der Weg war rutschig und endlos. Für diese kurze Strecke brauchten wir eine Stunde und 15 Minuten.

Und dann war er da. Der Uhuru Peak. Das Dach Afrikas. Vor uns ein endloses Wolkenmeer, darüber der Mount Meru, der wie eine Insel aus den Wolken ragte.

Um uns herum völlige Stille. Kein anderer Mensch, nur wir vier. Der Moment war so überwältigend, dass er fast unwirklich wirkte.

Ich stand am Gipfel. Wenn auch nur kurz. Denn die Zeit drängte, diese Höhe wirkt sich stark auf den Körper aus. Wir machten ein paar Fotos, froren und atmeten die Stille ein. Die Kälte von etwa minus 20 Grad kroch durch jede Schicht Kleidung, die dünne Luft ließ meine Lungen brennen, und doch war da nur Freude. Ich versuchte, jeden Augenblick festzuhalten, bevor wir den Abstieg begannen.

Es war 18 Uhr, um 19 Uhr ging die Sonne unter. So nah am Äquator bedeutet das, dass es nach wenigen Minuten völlig dunkel wird.

Der Rückweg führte über ein steiles Geröllfeld, das wir in großen Schritten hinunterliefen. Nach einer Stunde brach die Dunkelheit herein, wir setzten unsere Stirnlampen auf. Gegen 20 Uhr, nur 2 Stunden später, waren wir wieder im Camp. Kurz vor Mitternacht hörte ich, wie die anderen sich in der Kälte und Dunkelheit auf den Weg zum Gipfel machten. Ich lag in meinem warmen Schlafsack, lächelte und schlief weiter.

Die nächsten beiden Tage ging es bergab. Vorbei an den sogenannten Kilimandscharo-Taxis, einer Tragekonstruktion für Notfälle, und begleitet vom Summen der Hubschrauber. Manche hatten die Höhe nicht gut vertragen und mussten ins Tal gebracht werden. Ich hatte selbst Wanderer gesehen, die von Trägern ins Camp getragen wurden und war dankbar, dass es mir so gut ging.

Unten im Tal angekommen, wurde ich nach Moshi gebracht. In der Agentur gab es ein gemeinsames Mittagessen, ich erhielt mein Gipfeldiplom, trank ein obligatorisches Kilimanjaro-Bier und meine Begleiter sangen für mich.

Zurück im Hotel genoss ich die erste Dusche nach acht Tagen, eine pure Wohltat, und eine Nacht in einem richtigen Bett. Herrlich!

Rückblickend war es eine Erfahrung voller Eindrücke, Herausforderungen und unvergesslicher Begegnungen. Tansania ist ein wunderschönes Land mit unglaublich herzlichen Menschen. Das Glück war die ganze Tour über auf meiner Seite, und ich bin dankbar dafür.

Und die Frage meiner Freundin, ob es nicht schade sei, so etwas nicht mit jemandem zu teilen, kann ich nun beantworten. Nein. Ich konnte es in vollen Zügen genießen. Es bleibt für immer eine Erfahrung, die ich allein geschafft habe. Mein erstes Mal Afrika, mein erstes Mal wirklich zelten, mein erstes Mal so hoch hinaus. Ganz allein, und doch nicht einsam. Denn in meinen Erinnerungen sind Stanley, Sifa, Agnes, Felix, der Koch und viele andere immer dabei.

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