Das Becherhaus

Ein Abenteuer über den Wolken

Es stand schon lange auf meiner Liste der Orte, die ich einmal besuchen wollte: das Becherhaus, Südtirols höchstes Schutzhaus auf 3.195 Metern. Wie so vieles auf dieser Liste dachte ich, dass auch dieser Eintrag noch eine Weile dort bleiben würde, bevor er Wirklichkeit wird. Doch manchmal fügt sich alles schneller als gedacht und so kam es, dass meine Schwester, mein Vater, meine Tante und ich dieses Abenteuer diese Woche gemeinsam in Angriff nahmen.

Und wenn ich sage Abenteuer, dann meine ich das auch so. Von Anfang an war klar, dass ich das schwächste Glied der Gruppe sein würde, die Langsamste und die mit der größten Höhenangst. Keine besonders gute Ausgangslage, wenn man 1.900 Höhenmeter und teils ausgesetzte Passagen, mal mit, mal ohne Seilversicherung, überwinden muss.

Trotzdem war ich optimistisch. Ganz unfit bin ich nicht und meiner Höhenangst wollte ich mit Mut begegnen. Kürzlich hatte ich beim FF-Talk im Schloss Sigmundskron mit Benedikt Böhm einen Satz gehört, der mich begleitete: „Die Angst vor dem Ereignis ist größer als die Angst in der Situation, und Neugierde sollte vor der Angst stehen.“ Genau das nahm ich mir zu Herzen. Und nur zur Sicherheit packte ich mein Klettersteigset ein.

Wir fuhren nach Ridnaun. Schon vom Auto aus konnten wir das Becherhaus sehen, weit oben und fast unerreichbar thronend. Wir parkten, zogen die Wanderschuhe an und gingen die ersten Schritte in Richtung unseres Ziels. Das Wetter war perfekt: wolkenloser Himmel, strahlender Sonnenschein, kein Regen in Sicht. Eine Seltenheit nach den regenreichen Wochen zuvor.

Als langsamste in der Gruppe gab ich das Tempo vor und die anderen trotteten hinter mir her. Zunächst ging es durch den Wald hinauf zum Agelsboden und weiter bis zur Grohmannhütte. Dort legten wir eine kurze Pause ein, füllten unsere Energiereserven auf und blickten hinauf zur Teplitzer Hütte, die hoch oben auf einem Felsen stand. Der Anstieg sah steil aus und er war es auch. Doch wir erreichten die Hütte rechtzeitig zum Mittagessen.

Inzwischen hatten sich Wolken am Himmel gesammelt, die Sonne zeigte sich nur noch gelegentlich. Von der Terrasse der Teplitzer Hütte aus konnten wir das Becherhaus gut sehen. Es wirkte schon näher, aber immer noch weit weg und hoch oben. Rund 1.160 Höhenmeter hatten wir hinter uns, es fehlten nur noch etwa 800 und laut Wegweiser gut drei Stunden Gehzeit.

Ab hier wurde der Weg anspruchsvoller. Für meine Begleiter war das kein Problem, für mich schon eher. Aber ich ließ mich nicht aus der Ruhe bringen. Ich konzentrierte mich auf jeden Schritt und nutzte mein Klettersteigset, um meinem Kopf mehr Sicherheit zu geben. Ob es nötig war, weiß ich nicht, aber es half.

Die letzten Höhenmeter waren für mich eine Mischung aus Schuften, außer Atem sein und der sehnsüchtigen Hoffnung, die Hütte möge endlich in greifbare Nähe rücken. Während meine Begleiter die Tour genossen, zählte ich innerlich jeden Meter. Und dann war sie plötzlich da: das Becherhaus. Wir hatten es geschafft.

Wir hatten vier Betten in einem Mehrbettzimmer reserviert und bekamen ein eigenes Viererzimmer. Luxus pur auf 3.195 Metern. Nach dem Einchecken und Frischmachen setzten wir uns erst einmal auf die Terrasse. Meine Schwester und mein Vater bestellten eine köstliche Buchweizentorte und wir begannen mit der ersten Wattrunde. Als es kalt wurde, zogen wir in die gemütliche Stube um, wo ein Tisch für uns reserviert war.

Mein Körper spielte allerdings nicht ganz mit. Bereits am Morgen war ich mit leichten Halsschmerzen und einer laufenden Nase aufgewacht, die sich vor dem Start gebessert hatten. Am Abend meldeten sich die Symptome zurück und ich hoffte, dass es nicht schlimmer werden würde. Nach dem Abendessen und weiteren Runden Watten gingen wir schlafen.

Und ich weiß ja nicht, wie gut ihr auf Berghütten schlaft. Ich jedenfalls kaum, vor allem nicht über 3.000 Meter. Bis etwa drei Uhr lag ich meist wach und nutzte die Zeit, um mich auf die Tour am nächsten Tag vorzubereiten. Sporadisch hatte ich Handyempfang, also sah ich mir die Route und ein paar Videos an: Vom Becherhaus über den Signalgipfel zum Wilden Freiger, dann über die Freigerscharte zum Roten Grat und von dort zurück nach Ridnaun. Wieder unwegsames, ausgesetztes Gelände, aber so ist es nun mal auf dieser Höhe.

Nach wenigen Stunden Schlaf, einer weiter fortgeschrittenen Erkältung und einem stärkenden Frühstück stand ich schließlich am Fuße des Signalgipfels. Ich blickte auf den Weg vor mir und wollte am liebsten umdrehen. Doch meine Begleiter ermutigten mich und zum Glück hörte ich auf sie. Es wurde eine traumhafte Tour und einmal mehr bewahrheitete sich, was Benedikt Böhm gesagt hatte: Die Angst davor ist größer als die Angst in der Situation.

Den Wilden Freiger ließ ich meine Begleiter allein besteigen. Ich wartete am Signalgipfel, genoss die atemberaubende Aussicht und den Blick über die Wolken. Einige Gipfel ragten aus dem Nebel, das Becherhaus war deutlich zu sehen, ebenso der Übeltalfernergletscher und viele klare, blaugrüne Bergseen.

Der Weg über die Scharte und den Roten Grat war geprägt von leichter Kletterei über größere und kleinere Felsen in allen Farben: silbrig, marmoriert, bronzedurchzogen und oft rötlich schimmernd in der Sonne. Dazwischen lagen kleine Schneefelder und immer wieder grandiose Ausblicke.

Am Gipfel des Roten Grats machten wir Rast, aßen unseren Proviant und beobachteten eine kleine Maus, die sich vermutlich über unsere Jausenreste freute. Wir hinterließen einen Eintrag im Gipfelbuch und machten uns auf den scheinbar endlosen Abstieg ins Tal.

Was bleibt? Eine wunderbare Erinnerung mit meiner Schwester, meinem Vater und meiner Tante. Viele neue Eindrücke und wieder einmal ein Schritt hinaus aus meiner Komfortzone. Ach ja, und der Muskelkater meines Lebens. Aber der geht vorbei.


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